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"Tübingen ist rot-grüner Zeitgeist hoch zehn"

Bei der Wüsten Welle senden Freizeitfunker ohne Werbung und Quotendruck

von Matthias Franz

 

 

TÜBINGEN. 14.00 Uhr. Die vergoldete Barbie-Puppe steht in einem Blumentopf. Auf ihrer roten Schärpe die Worte: "Miss Billigung Mehr Frauen ans Mikro!" Das Mikrofon hängt etwa zwei Meter dahinter von der kleinen Puppe durch eine Glasscheibe getrennt über dem Mischpult. Aber es sitzt ein Mann davor. 38 Jahre alt, grüne Weste, Jeans. Über der Tür neben dem Fenster leuchtet eine rote Glühbirne. Als wollte sie sagen: "Eintritt verboten!" Vor dem Fenster ein kleines Radio. Eingestellt auf 96,6. Die Musik, die bisher daraus zu hören war, macht einer Stimme Platz. Sie gehört dem Mann hinter der Glasscheibe. Gerade verabschiedet er sich von seinen Hörern. Sein Nachfolger steht schon neben ihm. Sortiert gelassen seine CDs.

Der Mann am Mikrofon ist Andreas Linder. Er moderiert die Sendung TÜ-Funk, ein Lokalmagazin auf der Wüsten Welle, dem Freien Radio für Tübingen und Reutlingen.

Ein Freies Radio, das ist ein Radio ohne Werbung und Quotendruck. Hier gibt es keine fröhlich quasselnden Moderatoren am Morgen, selten Gewinnspiele, keinen Wetterbericht, keinen Verkehrsfunk. Aber auch keine bezahlten Redakteure. Von zwei Angestellten in Verwaltung und Technik abgesehen arbeitet hier jeder ehrenamtlich. Dafür dürfen die Sendungen ruhig ein bisschen unprofessionell sein.

"Im Prinzip kann jeder tun und lassen, was er will", sagt Linder. Der selbständige Medienpädagoge und freie Journalist bildet die Mitglieder der Wüsten Welle aus. Jeder, der eine eigene Sendung gestalten will, muss seinen Einführungsworkshop durchlaufen haben. Jetzt sitzt er auf der Veranda vor dem Studiogebäude und raucht eine Zigarette. "Manche Sendungen im Radio ertrag ich nicht", sagt er und schnippt Asche in den Aschenbecher. Oft hat Linder den Eindruck, dass die Funker nicht das anwenden, was sie bei ihm gelernt haben. "Das Freie Radio könnte sich als alternatives Medium gegen die kommerziellen Sender durchsetzen", sagt er. "Aber es macht sich hier Selbstzufriedenheit breit. Es fehlt eine einheitliche Zielsetzung. Die Kommunalwahlen haben gezeigt: Tübingen ist rot-grüner Zeitgeist hoch zehn. Das ist das geeignete Publikum für ein alternatives Radio. Aber hier begnügt man sich damit, dass der Sender vor sich hin dudelt."

Dabei können sich die Einschaltquoten sehen lassen, steht die Wüste Welle doch unter den neun Freien Radios Baden-Württembergs auf Platz zwei. Sagt jedenfalls die Media-Analyse. "Aber darauf gebe ich nichts", sagt Linder. "Denn darin steht nicht, wann die Hörer zuhören, wie lange sie zuhören und ob sie sich auf die Inhalte konzentrieren."

Kurz vor 16.00 Uhr. Vor zehn Minuten ist Leopold Weipert in Tübingen angekommen. Mit dem Fahrrad. Aus Hechingen. Das weiße T-Shirt durchgeschwitzt, eine graue Kappe auf dem Kopf. So steht er auf der Veranda. Raucht eine Zigarette, denn im Gebäude herrscht Rauchverbot.

Wenig später sitzt er im Studio. Bewegt CDs von einem auf den anderen Haufen, schreibt Musiktitel auf einen Notizzettel. Seine Sendung, die Musiksendung "Libresso", hat gerade angefangen. "Ich muss mich erst ordnen", sagt er. Dann entfernt er die Verschweißung von einer CD. "Die habe ich mir noch nicht angehört."

Der 39jährige Freiberufler unterhält Kontakt zu mehreren kleinen Plattenfirmen. Die schicken ihm ihre Neuerscheinungen kostenlos zu. "Das sind Labels, deren Musik sonst nicht im Radio läuft", sagt er. "Die sind immer dankbar, wenn ich die hier spiele."

Radio ist Weiperts große Leidenschaft. Gerne bezeichnet er sich als "Radiofan seit frühster Jugend". Aber mittlerweile hört er nur noch wenig Radio. Zu viel Werbung. Da ist er froh, dass es einen werbefreien Sender wie die Wüste Welle gibt. Das Radio finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und den Zuschüssen der Landesanstalt für Kommunikation (LfK). Aber Weiperts Meinung zum Programm ist gespalten: "Es gibt Sendungen, die begeistern und andere Sendungen, die ich abschalte. Das sind Sendungen, in denen die Moderation sehr schlecht gemacht ist oder gar nicht stattfindet." Auch seine eigene Sendung sei zum Abschalten, fügt er selbstkritisch hinzu. "Es ist schwierig, gleichzeitig die Technik zu bedienen, zu moderieren und die Musik auszuwählen."

20.00 Uhr. Endlich wird auch die Forderung der Barbie-Puppe erfüllt: "Frauen-Hour" bei der Wüsten Welle. Allerdings kommt die Sendung vom Band. Die Frauen haben sie vorproduziert. Im Studio ist es ruhig geworden. Fred Filkorn, der Moderator der vorherigen Sendung "Digitaria", sitzt am großen Tisch im Aufenthaltsraum. Trinkt ein Bier aus der Flasche. Beantwortet die Fragen eines Studenten über die Wüste Welle. Dann nimmt er den Schlüssel, läuft kurz durch den Raum, ruft: "Ist noch jemand da? Ich schließe jetzt ab!" Die beiden gehen, lassen die Barbie-Puppe alleine zurück. Aber nicht für lange. Um 21.00 Uhr wird der nächste Moderator kommen.


Kontakt: mail(at)matthias-franz(punkt)de
 
 

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